HR- und Recruiting-Trends 2020 – Das hat sich durch Corona verändert

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Der weltweite Ausbruch des Coronavirus hat die Bedeutung des HR deutlich gemacht. Personaler gehören mit an den Management-Tisch. Aber die Frage ist mit welchen Themen? Welche Trendprognosen, Hype-Talks und Buzzwords haben in 2020 ihre Bedeutung behalten? Und welche HR- und Recruiting-Trends kamen durch die aktuelle Situation hinzu?

Inhalt

Situation und Grundlage unserer Analyse

Knapp sechs Monate nach den ersten Einschränkungen zur Eingrenzung der Pandemie in Deutschland machen wir den Check. Wir untersuchen, welche der prognostizierten Themen und Trends, das HR bis dato verändert haben und welche Themen unter den Tisch gefallen sind.

Dazu haben wir Studien, Artikel und Beiträge von Beginn des Jahres und zum aktuellen Zeitpunkt zusammengetragen und verglichen.

Einige Themen mussten von Personalern und Recruitern zurückgestellt werden, um auf die aktuellen Bedürfnisse einzugehen und wiederum andere Bereiche haben eine ganz neue Bedeutung erhalten, die auch in Zukunft nachwirken wird. 

HR- und Recruiting-Trend-Check 2020

KI in der Personalabteilung

Ein großes Thema, dem in 2020 ein Schub prognostiziert war, war die Nutzung von KI und die Automatisierung im Personalwesen. 

Mit intelligenten Systemen sollten Prozesse beschleunigt und Aufgaben automatisiert werden. Dazu zählt zum Beispiel die Prüfung von Bewerbern oder die Vergabe und Verteilung von Terminen für Vorstellungsgespräche.

Ein Thema sollte dabei auch die Betrachtung der ethischen Aspekte bei der Nutzung von KI in der Personalsuche und -auswahl werden.

HR-Trend-Check:

Das Thema KI blieb bisher eher Buzzword und fand kaum seine Beachtung im aktuellen Austausch der HR-Community.
Der flächendeckende Einsatz von KI im Recruiting bleibt wohl eher noch Zukunftsmusik.

Digital Learning, E-Learning und Weiterbildung

In einigen Bereichen ist die Suche nach geeigneten Fachkräften problematisch. Die Prognose war also: Eine Verschärfung der Herausforderung, mit einer begrenzten Anzahl an Fachkräften langfristig, den Bestand und die Weiterentwicklung des Unternehmens zu sichern.

Dabei waren nicht nur klassische Kurse und Weiterbildung gefordert, sondern der Trend versprach den Bereich New Learning oder auch autonomes Lernen voranzubringen. So könnte durch selbstorganisiertes Lernen neben dem jährlichen Entwicklungsgespräch besonders die intrinsische Motivation sich weiterzubilden, gestärkt werden. 

Formate sollten sein: Workshops vor Ort und externe Seminare, Webinare und digitale Weiterbildungsangebote sowie interdisziplinäre “Brown-Bag”-Events.

HR-Trend-Check:

Wenn auch das Thema Weiterbildung der Mitarbeiter im fachlichen Bereich vor allem in Vor-Ort-Seminaren eher weniger angegangen werden konnte, so lag ein hohes Augenmerk darauf, die Kollegen zur Nutzung von Videokonferenz-Tools oder digitalen Kommunikationssystemen zu befähigen.

Ein weiterer wichtiger Bereich und Trend ergab sich aus der Notwendigkeit heraus: Remote Onboarding

Während alle ins Homeoffice umziehen, fangen neue Mitarbeiter an. Und dann?
Verstärkt wurde sich also über Möglichkeiten ausgetauscht, wie letztendlich eine Teamvorstellung stattfindet, wie regelmäßig mit einem Betreuer kommuniziert werden sollte, welche Materialien dringend benötigt wurden und wie die neuen Mitarbeiter – ohne persönlichen Kontakt – in die Unternehmenskultur integriert werden können?

Neue Recruiting-Methoden

Schon lange kein Hype mehr, aber dennoch immer wieder als Trend für das kommende Jahr vorausgesagt: Social Recruiting. So hieß es auch Ende 2019, dass die jüngeren Zielgruppen nur über die konsequente Nutzung der Plattformen erreicht werden.

Die passenden Kandidaten sollten dann auch immer durch Beziehungsmanagement in einem Talent Pool festgehalten werden. Dort werden alle Daten zu einem potenziellen Kandidaten oder ehemaligen Bewerber in einem Profil gesammelt. Wird eine passende Stelle im Unternehmen frei, kann auf die Person erneut zugegangen werden.

HR-Trend-Check:

Erst einmal wurde bereits frühzeitig ein allgemeiner Einbruch im Recruiting, ausgelöst durch die Corona-Krise, erwartet. 56 % der befragten Unternehmen gaben bei der Blitzumfrage des ICR an, dass weniger Recruiting vorgesehen sei. 
Auch die Anzahl der Bewerbungen gingen stark zurück. Der langfristige Einfluss bleibt abzuwarten, dennoch lässt sich als dringende Anforderung festhalten: Recruiting muss digitaler werden.

Viele Unternehmen konnten sich nicht auf einen durchdigitalisierten Such- und Bewerbungsprozess verlassen, sodass die Bereiche der Online-Personalsuche, virtuelle Karrieremessen, Video-Interviews und auch die digitale Vertragsunterzeichnung eine Herausforderung darstellten.

Candidate Experience

Die Zielsetzung hinsichtlich der Candidate Experience ist, die Erfahrungen der Kandidaten mit einem potenziellen Arbeitgeber im Bewerbungsprozess zu beeinflussen und möglichst nahtlos und positiv zu gestalten.

Viele verschiedenen Maßnahmen – sei es eine Beschleunigung des Bewerbungsprozesses oder das regelmäßige Informieren des Bewerbers – können hierbei unterstützen und so stand das Thema sicherlich auf der To-do-Liste im Recruiting 2020.

HR-Trend-Check:

Knappere Budgets und Probleme bei der Organisation eines vollständig digitalen Bewerbungsprozesses wirken sich auf die Candidate Experience aus.
Hinzu kommt, dass die Unternehmenskultur schwerer vermittelbar ist, wenn kein persönlicher Kontakt im Vorstellungsgespräch vor Ort möglich ist und letztlich Recruiting-Prozesse mittendrin gestoppt werden mussten.

Employee Experience

Als Teil des Employer Brandings gibt es die Aufgabe die Mitarbeiterzufriedenheit über die Employee Experience zu beeinflussen. Die Erwartungen und Anforderungen an den Arbeitgeber verändern sich dabei stetig.

Dabei ist eine regelmäßige Abfrage der Erwartungen beispielsweise durch wöchentliche oder monatliche Mitarbeiterbefragungen hilfreich.

Die für 2020 prognostizierten Themen waren:

  • Flexible Arbeitszeiten und New Work
  • Büro-Ausstattung und -Atmosphäre
  • Wohlbefinden der Mitarbeiter und deren Gesundheitsförderung
  • Suche nach Sinn und Purpose der eigenen Arbeit

Hr-Trend-Check:

Vor allem der Gesundheitsschutz und die Hygiene haben sich als Themen durchgesetzt. Hier wurden Konzepte gesucht, die besonders die Rückkehr ins Büro gewährleisten können. In diesem Zuge wurde sich über die Umsetzung von “Work Distancing” ausgetauscht.

Flexibilität und New Work hat einen enormen Impuls bekommen. Homeoffice war kein Wunsch und keine Anforderung, sondern ein Muss in vielen Branchen. 
Auch wenn nach und nach die Arbeitnehmer wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren und das auch möchten, waren und werden Homeoffice-Regelungen zunächst extrem spontan benötigt.

Neben der Homeoffice-Ausstattung stellte besonders die Kommunikation und die Erhaltung der Produktivität von Teams bei der Zusammenarbeit eine Herausforderung dar, über die diskutiert wurde.
Ein spannender Effekt kann in der Entstehung von neuen Formaten gesehen werden: CEO-Podcasts, wöchentliche Status-Calls, Online-Sportkurse oder virtuelle Kaffeepausen.

Die Employee Experience war und ist zudem stark beeinflusst von persönlichen Sorgen und der Gefühlslage des Arbeitnehmers. Der kununu Corona Employer Transparency Ticker zeigt ein positives Bild und gibt an, dass 73 % der Mitarbeiter mit dem Umgang ihres Arbeitgebers in der Krise zufrieden sind.

Dennoch: Die Unternehmenskultur ist weniger spürbar, die Kollegen fehlen und durch das dauerhafte Fernbleiben vom Büro kann es zu einer stärkeren Wechselkultur und Fluktuation kommen.

HR Analytics oder People Analytics

Die systematische Auswertung von Daten mithilfe digitaler Lösungen hilft im HR Entscheidungen fundiert zu treffen und den Stellenwert der Abteilung im Unternehmen zu stärken.

Ein Großteil der Daten, die beim HR-Trend People Analytics durch HR-Software, Workforce Management Systemen oder Recruiting-Software erfasst werden, ist bereits vorhanden. Dennoch werden sie nicht ausreichend genutzt. Hohe Kosten bei der Personalsuche und ein niedriges Vertrauen in die Daten des People Analytics sind die Folge.

Es fehlt jedoch zum Teil das passende Knowhow und Berührungsängste beeinflussen die Auseinandersetzung mit dem Thema.

HR-Trend-Check:

Auch wenn während des Beginns der Krise und auch jetzt noch kein Schwerpunkt auf dem Thema liegt, so ist der allgemeine Fokus auf die Digitalisierung von Prozessen dem Thema HR Analytics zuträglich und nimmt Ängste.

Es bleibt abzuwarten, ob sich hier beispielsweise durch den bevorstehenden Personalabbau eine starke Notwendigkeit für die Nutzung des datengestützten Personalmanagement entwickelt. 

Diversity, Diskriminierung und Gleichberechtigung

Gleichberechtigung und Diversity im Unternehmen stellt keinen Nice-to-have-Faktor dar. Besonders für 2020 wurde angesagt, dass das Thema als Voraussetzung gilt und mit Kennzahlen untermauert werden sollte.

Für Chancengleichheit sollte die Entwicklung von objektiven Kriterien im Bewerbungsprozess vorangetrieben werden.

Viele Unternehmen gaben an, die Schließung der Lücke zwischen den Geschlechtern, vor allem das Gehalt betreffend, als Ziel gesteckt zu haben.

HR-Trend-Check:

Ein ernüchternder Blick auf die Zahlen: Die Auswertungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts zeigen, dass Frauen deutlich seltener eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes vom Arbeitgeber erhalten haben.
Bezüglich der Arbeitszeit führte die Corona-Krise sogar zu einer Retraditionalisierung des Rollenbildes bei dem vor allem Frauen bei ausfallender Kinderbetreuung und Schule ihre Arbeitszeit reduzieren.

Langfristige Folgen, die zum Beispiel durch die Ungleichheiten und Diskriminierungen auf Basis des Coronavirus zum Beispiel gegenüber Menschen mit asiatischem Aussehen entstanden, sind noch nicht abzuschätzen.

Agilität

Der Begriff kommt aus der Softwareentwicklung und ist dennoch weit verbreitet in den Trendprognosen der Blogs und Fachmagazine. Agile Prozesse und Strukturen ermöglichen den Mitarbeitern neues Potenzial auszuschöpfen und Unternehmen sich stetig an neue Anforderungen anzupassen.

Die Einführung von agilen Projektmanagementmethoden zeigt sich dabei nicht nur in den Stellenausschreibungen, die Agile und Scrum Manager suchen. Das Thema Agilität mit der Zielsetzung, auch im HR agiler zu werden, fand sich für 2020 auf der Agenda.

HR-Trend-Check:

46 % der befragten Personaler gaben bei der BPM-Umfrage zur Corona-Situation an, nicht länger als einen Monat im Voraus ihren Personaleinsatz planen zu können. 
Diese Kurzfristigkeit und die drastischen Veränderungen, die in den letzten Monaten stattfanden bringen eingefahrene Strukturen durcheinander.

Das Chaos ist aber nicht nur chaotisch, sondern zeigt auch, dass nicht alles immer so laufen muss, wie die Jahre zuvor und könnte somit dem Thema Agilität etwas den Weg ebnen – auch wenn aktuell noch keine Zeit bleibt sich konkret damit zu beschäftigen.

Neue Trends und Themen

  • Kurzarbeit: Kurzarbeit ist eine Möglichkeit Kündigungen zu vermeiden und Liquidität zu erhalten. Aus diesem Grund war die erhöhte Nachfrage nach Informationen zum Einsatz von Kurzarbeit eine Folge der Corona-Situation, die so noch niemand in den HR-Trends für 2020 voraussagen konnte.
  • Quarantäne: Thema waren dementsprechend auch die rechtliche Aspekte der Arbeitspflicht bei einem Quarantänefall. Dabei wurde sich auch über die Verantwortlichkeit der Gehaltszahlungen informiert.
  • Familienfreundlichkeit in der Krise: Bedingt von den Kita- und Schulschließungen war die Flexibilität der Arbeitgeber ein wichtiger Aspekt . Können freie Tage angeboten werden? Können besonders Eltern, die die Zeit benötigen, in Kurzarbeit gehen? Rücksicht, Toleranz und Unterstützung waren und sind immer noch gefragt.
  • Sicherheit und Information: Besonders in unklaren Situationen ist Beschäftigten die Transparenz und Kommunikation des Arbeitgebers wichtig. Das Gefühl von Sicherheit wird durch die Managementebene, die Kommunikation und die professionelle Abwicklung und Verständigung mit der Personalabteilung unterstützt.
  • Digitalkultur: Den Einsatz von digitalen Technologien wie Kommunikationskanäle, Vertriebs-Apps, Cloud-Anwendungen, als Chance zu sehen, prägt maßgeblich die Wahrnehmung der Arbeitnehmer. Die Datenbasis in der Personalarbeit ist plötzlich extrem wichtig. Digitale Personalakten und Bewerbermanagementsysteme, die aus dem Homeoffice bedienbar sind, sind Notwendigkeit. Die Nutzung von Employee Selfservices wurde zum Trend. Der Mitarbeiter kann damit selbst die Arbeitszeit erfassen, neue Kontodaten oder Telefonnummern eintragen sowie zum Beispiel einen Urlaubsantrag stellen. 

Fazit: Wir sind nicht stehen geblieben. Aber wie geht es weiter?

Auch wenn ein Thema oder Recruiting-Trend 2020 erst einmal zurückgestellt werden musste, heißt das nicht, dass wir dem keine Bedeutung mehr beimessen.

Dennoch kann der Trend-Check einen Anhaltspunkt bieten, was, wo und wie in Zukunft weiterhin wichtig sein wird. 

Die Frage ist auch, wann müssen welche Themen rechtzeitig wieder angegangen werden und wo kann trotz oder gerade wegen Corona etwas vorangetrieben werden.

Ist zum Beispiel jetzt die Möglichkeit im Recruiting aus der Masse hervorzustechen und die freigewordenen Talente zu nutzen? Damit und mit erfolgreichen Recruiting-Kampagnen haben wir uns hier auseinandergesetzt.

Pandemie-Office ist nicht gleich Homeoffice, ist nicht gleich Digitalisierung. Eines der großen Projekte in naher Zukunft wird sein, die freigesetzten Energien in die Digitalisierungsbahnen zu lenken.”

CEO des Berliner Datalabs Trendence, Robindro Ullah

Key Takeaways

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat die Trendprognosen und Themen im HR und Recruiting deutlich verändert.
Neben Themen wie KI oder HR Analytics, die weniger stark forciert werden konnten, sind andere Themen deutlich weiter fortgeschritten.
Vor allem der plötzliche Schritt ins Homeoffice für viele Unternehmen und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit über die Distanz haben die Digitalkultur in den Unternehmen vorangetrieben. Aber auch Rückschritte in der Gleichberechtigung und der Candidate Experience waren zu sehen.

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